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Archive for category: Alumni

Alumni-Interview: Maria Wolgast

Maria Wolgast arbeitet als freie Bühnen- und Kostümbildnerin und unterrichtet regelmäßig an verschiedenen Hochschulen. Sie hat von 2008 bis 2010 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert.

Maria, vor deinem Studium an der TU hast du Kunst- und Theaterwissenschaften sowie Szenografie in Norwegen studiert. Du warst an verschiedenen Theatern in Deutschland (Stadttheater Hildesheim, Theater an der Parkaue Berlin) und Norwegen (Nationaltheater Oslo, Oper Kristiansand, Black Box Theater Oslo) als Bühnenbildnerin und Assistentin tätig. Was hat dich bewogen, den Master of Arts an der TU Berlin zu absolvieren?
Für mich war ausschlaggebend, meinen eigenen Zugang insbesondere für Musiktheater – jenseits von Produktionsdruck im Theater – zu entwickeln. Ich hatte damals den Wunsch, raus aus dem Theateralltag zu kommen, fühlte mich dort schon ziemlich eingespannt, es lief alles sehr schnell – und das zwischen Deutschland und Norwegen. Ich wollte mir nochmals intensiv Zeit fürs Entwerfen und für ein Verständnis von Oper nehmen. Während meines Theaterwissenschaftsstudiums ging es um Schauspiel mit Schwerpunkt zeitgenössische, interdisziplinäre, postdramatische Formen. Und das Studium an der Norwegischen Akademie war super, experimentell, sehr frei. Aber ich hatte immer das Bedürfnis, in die Komplexität von Musiktheater intensiver einzutauchen. Insofern lag mein Schwerpunkt im Masterstudium klar im Bühnenbildbereich, aber ebenso waren die breit aufgestellten Lehrveranstaltungen u.a. zu Ausstellungen und urbanen Interventionen für mich sehr anregend. Ich habe mir mit dem Masterstudium an der TU Berlin den selbstgewählten “Luxus” ermöglicht, die Basis für meine künstlerische Arbeit zu erweitern, was mich sicherlich geprägt hat.

Wenn du von deinem künstlerischem Zugang sprichst: wie würdest du deine Arbeiten charakterisieren ?
Ob bespielbare Installation für eine Ausstellung, Musical, Schauspiel, Oper, Kinder- und Jugendtheater oder Projekte im urbanen Raum: ich suche nach einem zentralen Bild oder Universum und einer verbindenden Materialität, die möglichst wandlungsfähig ist. Also ein Material oder Objekt, das unterschiedliche Aspekte in sich birgt, vielleicht sehr gegensätzlich sein kann, mit dem sich Spannungsverhältnisse ausloten lassen – als eine Leitlinie für die Konflikte der Figuren, Atmosphären, Fragen, Themen, die sich mir stellen. Ich denke weniger in Kategorien wie gebauten Innen- oder Außenraum. Vielleicht bin ich mit dem Materialfokus einerseits abstrakter, aber gleichzeitig auch sinnlicher. Auf jeden Fall interessiert mich immer Metamorphose und Prozess von Material und dem daraus entstehenden Raum – durch die Akteure initiiert.

Welche Erinnerungen verbindest du mit dem Studiengang?
Vor allem eine beeindruckende Vielfalt an Lehrangeboten, Themen, Arbeitsfeldern inklusive konkreter Realisierungsprojekte. Die intensive Betreuung durch die Lehrenden und vor allem der rege Austausch mit den Kommiliton*innen. Wir waren schon eine recht internationale Gruppe, das ist in den nachfolgenden Studiengenerationen noch polyglotter geworden. Was ich sehr geschätzt habe, sind diese unterschiedlichen kulturellen und beruflichen Hintergründe. Ich erinnere mich gerne an viele wertvolle Gespräche zurück und an die gegenseitige wertschätzende Arbeit im Team und das ehrliche Interesse an einander und an den Studieninhalten. Viele Freundschaften aus dieser Zeit halten bis heute. Und nicht zuletzt die Ateliers in der Ackerstraße, in denen wir gearbeitet und eigentlich auch gelebt haben. Das Masterstudium war eine sehr kostbare, bereichernde Zeit für mich.

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus, mit wem und wo arbeitest du?
Nach Studien-Ende habe ich erstmal viele Assistenzen und künstlerische Mitarbeiten gemacht, u.a. an der Oper Frankfurt, Oper Stuttgart, Oper Stockholm, Oper Oslo. Eigene Bühnenarbeiten habe ich am Jungen DT/Deutsches Theater, im Kulturforum, in der Tischlerei der Deutschen Oper, für die Sommeroper Schloss Britz, an den Theatern Heidelberg, in Hildesheim, Baden-Baden, Potsdam und Münster realisiert. Gemeinsam mit Patrick Bannwart war ich in Antwerpen und Gent, in Essen, in Basel (“Elektra”) und am Burgtheater Wien (“Käthchen von Heilbronn”), beides in der Regie von David Bösch. Was mir bis heute neben meiner Theatertätigkeit wichtig ist: die Weitergabe von Wissen, das Lehren und Unterrichten! Ich bin regelmäßig an der Hochschule Osnabrück, an der Theaterpädagogischen Akademie Heidelberg, an der Theaterakademie Mannheim und gebe außerdem noch Workshops für verschiedene Bildungsträger. Ich bin sehr froh, beides miteinander verbinden zu können. Dadurch, dass ich mittlerweile selbst am Studiengang Bühnenbild_Szenischer Raum unterrichte, bleibt der Kontakt zur TU Berlin bestehen und ich erlebe die positiven Weiterentwicklungen am Studiengang.

Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?

Bei allen Vor- und Nachteilen der Freiberuflichkeit: ich kann mir nichts anderes vorstellen und schätze immer wieder meine Unabhängigkeit von Institutionen. Das gemeinsame Arbeiten am Theater kann großartig sein – im Regieteam, mit den Werkstätten und allen Leuten vom Haus. Es beflügelt, wenn Ideen wachsen, dadurch dass alle mit ihren verschiedenen Expertisen dazu beitragen. Es kann aber auch anstrengend und enttäuschend sein – unbenommen. Die Erfahrung hat wohl jeder gemacht, der in diesem Bereich unterwegs ist.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?

Ich glaube nicht.

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der zum Theater gehen möchte?
Grundsätzlich: wenn echtes Interesse und Engagement da ist, dann: loslegen! Unbezahlte Hospitanzen und Assistenzen sind die Realität an institutionellen Theatern und nicht nur dort. Zum Start: nicht abschrecken lassen, aber selbst entscheiden, wie viel und wie lange. Wichtig ist, Menschen kennen zu lernen, mit denen du zusammenarbeiten willst. Welche Themen, Arbeitsweisen und künstlerischen Formate sind interessant? Welche Rahmenbedingungen ermöglichen dies und wie und wo sind diese zu finden oder selbst zu initiieren? Einiges auf Einmal, aber Ausprobieren ist der einzige Weg das herauszufinden.

 

(c) Fotos:
Bild 1: Bühne/Kostüme für “Wirtschaftskomödie” von Elfriede Jelinek, Theater Baden-Baden, Regie: Katja Fillmann, 2016. Foto: Jochen Klenk
Bild 2: Bühne/Kostüme für “Wirtschaftskomödie” von Elfriede Jelinek, Theater Baden-Baden, Regie: Katja Fillmann, 2016. Foto: Jochen Klenk
Bild 3: Kostüme für “Das besondere Leben der Hilletje Jans” von Ad de Bont, echtzeit-theater Münster, Regie: David Gruschka, 2016. Foto: Roman Starke
Bild 4: Kostüme für “Das besondere Leben der Hilletje Jans” von Ad de Bont, echtzeit-theater Münster, Regie: David Gruschka, 2016. Foto: Roman Starke
Bild 5: Co-Bühnenbild mit Patrick Bannwart für “Elektra” von Richard Strauss, Oper Antwerpen/Gent, Essen, Basel, Regie: David Bösch, 2014. Foto: Annemie Augustijns
Bild 6: Co-Bühnenbild mit Patrick Bannwart für “Elektra” von Richard Strauss, Oper Antwerpen/Gent, Essen, Basel, Regie: David Bösch, 2014. Foto: Annemie Augustijns
Bild 7: Bühne/Kostüme für “Pyramus und Thisbe” von Johann Adolf Hasse, Sommeroper Schloss Britz, Regie: Antje Kaiser, 2012. Foto: Oxana Sulzbach
Bild 8: Bühne/Kostüme für “Pyramus und Thisbe” von Johann Adolf Hasse, Sommeroper Schloss Britz, Regie: Antje Kaiser, 2012. Foto: Oxana Sulzbach

 

Interview: David Roth

David Roth ist Videokünstler, Szenograf und Architekt. Er gründete nach seinem Diplom in Architekur zusammen mit Florian Machner prjktr. [projektor_berlin] und absolvierte 2014 den Master of Arts am Studiengang Bühnenbild_Szenischer Raum.

Mit welcher Erwartung bist du 2012 in unser Studium gestartet?
Hattest du schon zu Beginn deinen jetzigen Beruf im Kopf?
Der Mensch im Raum – das interessiert mich und hat mich von der Architektur zur Szenografie gebracht! Und von dort übrigens zur visuellen Inszenierung mit Videoanimationen. Wichtig finde ich, zu verstehen, dass ein Studium keine Berufsausbildung ist, sondern das Erschließen und Erforschen von Inhalten, Methoden und Prozessen. Wer Architektur studiert, wird nicht zwangsläufig Architekt, sondern z. B. Szenograf. Wer Szenografie studiert, wird nicht zwangsläufig Szenograf, sondern – sagen wir mal – Videokünstler.

Was hat dich während des Studiums für deine spätere Tätigkeit besonders geprägt?
In der klassischen Schulpädagogik reift langsam die Erkenntnis, dass im Frontalunterricht der Lerneffekt minimal ist. Im Studium heißt es also erst recht: So viel wie möglich selbst gestalten, erforschen und entwickeln. Mitsprache bei Unterrichtsthemen und -inhalten wahrnehmen. Als Erweiterung des Lehrprogramms haben wir beispielsweise die Vorlesungsreihe “Intergraph” gegründet. So konnten wir über mehrere Semester auf experimentelle Weise verschiedene räumliche Formate ausprobieren, neue Künstler einladen und potentielle Dozenten kennenlernen.

Du hast nach dem Studium die Agentur „prjktr.“ gegründet, was macht ihr genau?
Wir sind die Regisseure des Raums. Der Raum ist unsere Bühne. Wir entfachen seine szenische Performance mit Licht und Projektion. Unser Werk sind künstlerische Installationen im Raum – beispielsweise raumgreifende Videoprojektionen, interaktive Medienstationen und Exponate mit Video. Diese visuellen Inszenierungen realisieren wir für Ausstellungen, Theater und Bühnen, Markenraum und Messe, Veranstaltungen und Events.

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus? Mit welchen Partnern, an welchen Orten arbeitest du?
Ideenskizzen, Key-Visuals, Konzepttexte, Storyboards, Rohanimationen, Schnitt und Postproduktion, technische Planung, Programmierung von Medientechnik, Mapping, Fertigung von Mock-Ups sind nur eine Auswahl unserer Arbeitsfelder.
Natürlich gehört auch Projektplanung, Zeit- und Kostenmanagement, Vertragswesen usw. dazu. Fast jedes Projekt entsteht immer in Zusammenarbeit mit Musikern oder Klangkünstlern, Filmemachern, Grafikern, Programmierern, Innenarchitekten und freien Mitarbeitern.

Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Wir entwickeln und realisieren von der ersten Idee bis zur Installation im Raum. Jede Aufgabe ist anders, aber immer hyperdisziplinär, neokreativ, multivisuell und superkontemporär. Es bleibt immer spannend.

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der ein eigenes Büro gründen möchte?
Das ist ganz einfach:

1. Machen!
2. Weitermachen!
3. Trotzdem weitermachen!
4. Genießen.

Was dabei herauskommt, seht ihr auch auf: prjktr.net

© Bilder: David Roth

Interview: Raimund Schucht

Raimund Schucht realisiert Räume und Bühnenbilder unter anderem für die Berliner Agentur TRIAD und die Movimentos Festwochen Wolfsburg. Nach seiner Ausbildung zum Raumausstatter und dem darauffolgenden Architekturstudium studierte er von 2013 bis 2015 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum der TU Berlin.

Du hast vorher Architektur studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf?
Schon im Architekturstudium habe ich gemerkt, dass die klassische Architektur nicht mein Weg sein wird. Daher war ich recht früh auf der Suche nach einer Alternative, die meine Erfahrungen aus der Raumausstatter-Ausbildung und dem Studium vereint. Da war der starke Wunsch, Medien und Architektur zu verbinden –  so habe ich schon als Student in Agenturen gearbeitet, die auf virtuelle und interaktive Räume spezialisiert waren. Nach einigen Jahren Agenturleben verspürte ich dann das Bedürfnis, Räume mit Inhalt und Leben zu füllen, Räume lebendig werden zu lassen, sie mit Geist und Emotionen aufzuladen. So kam das Thema Szenografie ins Spiel.

Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen?
Ich ging eigentlich ohne große Erwartungen in das Masterstudium, wobei man das nicht falsch verstehen darf! Für mich war es ein Privileg nochmal zu studieren. Mein Ziel war daher, einfach so viele Impulse wie möglich mitzunehmen. Der künstlerische Umgang mit Raum trat mehr und mehr in den Vordergrund. Am Ende des Studiums hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass jetzt meine gesamten Vorbildungen in einer Profession zusammenkommen – meine vielen beruflichen Umwege ergaben endlich einen Sinn! Das ist ein sehr gutes Gefühl, was bis heute anhält.

Welche Schwerpunkte hast du in deinem Studium gelegt? Lag dein Interesse eher im Bühnenbild oder im Szenischen Raum?
Meinen Schwerpunkt legte ich anfangs noch auf den Bereich “Szenischer Raum”, wobei mein Interesse zu Beginn noch stark auf der digitalen Interaktion lag. Im Laufe des Masterstudiums entwickelte ich eine Neugier dafür, wie man Inhalte und Interaktion miteinander verschmelzen kann. Wobei die Ansätze auch analog sein konnten. Für mich war es zunächst wichtig, alte Denkmuster zu hinterfragen und neue Ideen zuzulassen. Mein Ziel war, die eher strukturelle planerische Architektur loszulassen, die Grenzen der stark digital geprägten Architekturprozesse aufzubrechen und künstlerische Aspekte, z. B. Malerei oder Modellbau, in mein kreatives Schaffen einfließen zu lassen. Neue Denkanstöße bekam ich durch Kommilitonen bzw. Dozenten, die alle aus den unterschiedlichsten Bereichen kamen, und durch das von mir zuvor noch recht unbeachtete Feld der Gestaltung von Bühnenbildern. Besonders die Auseinandersetzung mit den Bühnen von Hans Dieter Schaal und des Bauhauses unter Oskar Schlemmer führte mich zu neuen Gedankengängen. Gerade deren Transformation von architektonischen Mitteln in Bühnenbilder bzw. Kostümbilder und Szenografien fand ich inspirierend. Diese  starken Inspirationen aus dem Bühnenbildbereich fließen bis heute in meine Gestaltungsprozesse ein – sei es für eine Ausstellung, einen Messestand oder eine Markenwelt.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin?
Für mich war das Besondere vor allem die Menschen hinter dem Masterstudiengang: Die Vielseitigkeit der kulturellen und beruflichen Herkunft der Kommilitonen und Dozenten brachte ein reges und inspirierendes Studentenleben. Die praxisbezogene Ausbildung hat mir geholfen, internationale Kontakte zu knüpfen. Die künstlerische Herangehensweise und die analoge handwerklich-künstlerische Darstellung von Inhalten beflügelte mich zu neuen Ideen.

Konntest du schon während des recht praxisorientierten Studiums an der TU Kontakte in die Praxis knüpfen? Wie ging es nach dem Studium weiter, wie sah dein Einstieg in die Praxis aus?
Ich habe früh im Studium die vorhandenen Kontakte zu Kooperationspartnern genutzt oder neue geknüpft. Mein Einstieg in das Agenturleben begann schon während des Studiums an der TU. Im dritten Semester konnte ich dank der Hilfe von zwei meiner Dozenten Kontakt zu TRIAD aufbauen, eine Berliner Agentur für Kommunikation im Raum. Dort habe ich dann mein studienbezogenes Praktikum absolviert. Seitdem bin ich freiberuflich überwiegend für TRIAD tätig. Die ersten Schritte im Bereich Bühnenbild kamen auch über die Studiengangsleitung zustande. Für die Töpferstiftung konnte ich mit zwei Kommilitonen ein Bühnenbild für die Preisverleihung des KAIROS-Preises am Staatstheater Hamburg realisieren. Ebenfalls über den Studiengang entstand der Kontakt zur Movimentos Akademie. Seitdem haben wir als Alumni-Team mehrere Bühnenbilder für das Movimentos Festival am Theater Wolfsburg realisiert.

Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Mir gefällt besonders die Vielseitigkeit dieses Berufs. Um alle Facetten richtig erleben zu können habe ich mich entschlossen, mich als Freiberufler selbstständig zu machen. Heute arbeite ich nicht nur in Kreativagenturen für Kommunikation im Raum sondern auch für kulturelle Institutionen. Da kommen wirklich zwei verschiedene Welten zusammen! Die Mischung aus Bühne und Szenografie hilft mir, immer einen anderen Blick auf die jeweilige Aufgabe zu haben. Im Vergleich zur klassischen Architektur ist das Arbeiten an szenografischen Projekten viel schnelllebiger. Ich mag das sehr gerne, da man sich mit immer neuen Inhalten und spannenden Themen auseinandersetzen darf. Und irgendwie mag ich auch das stetige Unterwegssein. Die Rastlosigkeit spornt mich an.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
Heute würde ich die internationalen Möglichkeiten, die der Studiengang und das Netzwerk der internationalen Studierenden bietet, noch mehr nutzen. Neben dem regulären Lehrbetrieb mit Vorlesungen und Praxisprojekten bietet das Studium noch viele zusätzliche Möglichkeiten der Weiterbildung. Zum Beispiel gibt es das von Prof. Albert Lang gegründete Interdisziplinäre Raumlabor, das vielseitige Entfaltungsmöglichkeiten über den regulären Stundenplan hinweg ermöglicht. In studien- und themenübergreifenden freien Projekten kann man dort nochmal einen anderen Blick auf die Dinge werfen. Als ich noch Student war, war mir der Wert solcher Angebote noch nicht klar. Heute würde ich solche Chancen viel mehr nutzen und sie mehr in mein Studium integrieren. Im Grunde bin ich aber sehr zufrieden. Nochmal in einem weiterbildenden Master zu studieren war ein großer Luxus und eine enorme Bereicherung.

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der in einer Agentur erfolgreich werden möchte?
Der Begriff Szenografie bietet viele Interpretationsspielräume. Um sich in der Agenturwelt zu behaupten, hilft es, sich mit seinem Profil klar zu positionieren: Wo liegen die eigenen Stärken? Welche Vorbildung bringe ich mit ein? Als angehender Szenograf kann man vielfältig tätig werden, zum Beispiel im Bereich Konzeption, Narration im Raum oder auch als Gestalter von inszenierten Räumen.
Das Studium bietet viele Ausgangsmöglichkeiten, die erst reflektiert und erforscht werden müssen. Ich kann frisch gebackene Absolventen verstehen, wenn sie etwas verunsichert in das Berufsleben gehen. Meines Erachtens hilft es, hartnäckig zu bleiben und stets an die eigene Stärken zu glauben – jeder Traum und jede Stärke findet ihren Platz!
Mir hat die Erkenntnis geholfen, dass mein ganzer bisheriger beruflicher Weg mit dem Masterabschluss eine Symbiose ergibt. Am Ende wurde mir klar, dass irgendwie doch alles zusammengehört und seine Berechtigung hat. So will ich mich auch nicht festlegen, ob ich eher als Szenograf in einer Agentur oder als Bühnenbildner am Theater arbeiten will. Beides hilft mir jeweils für die andere Arbeit. Diese Vielseitigkeit nehme ich mit auf meinen Weg, und sie hilft mir, neue Schritte zu gehen. Es hört sich zwar etwas traumtänzerisch an, aber nichts ist falsch – es benötigt nur die richtigen Umstände und Zielvorstellungen, die man für sich entwickeln muss. Und manchmal hilft es, auch mal nicht auf gesellschaftliche Konventionen oder auch Dozenten ;-) zu hören und einen ganz anderen Weg zu gehen.

Website/Instagram/Facebook

© Bilder: Raimund Schucht und Ulf Büschleb für Triad

 

Interview: Lydia Merkel

Lydia Merkel arbeitet als freie Bühnen- und Kostümbildnerin für Häuser wie das Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Bochum oder Theater Krefeld-Mönchengladbach. Nach ihrem Bachelor in Architektur hat sie 2008 bis 2010 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert.

Du hast vorher Architektur studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf? Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen und haben sich deine Ziele während des Studiums geändert?
Nein, meinen jetzigen Beruf – so wie ich ihn aktuell ausübe – hatte ich noch nicht im Kopf. Irgendwie ging bei mir alles sehr schnell. Ich kam gerade von der Schule, fand es spannend in dem Bereich Architektur zu starten. Beziehungsweise war ich erstmal froh, zwischen all den Studiengängen eine Richtung gefunden zu haben, in der ich mich vermeintlich kreativ ausleben konnte ohne ein großes Aufnahmeprozedere zu durchlaufen – denn vor den ganzen Mappenabgaben und Bewerbungsgesprächen hatte ich gehörigen Respekt. Erst während der Pflichtpraktika habe ich begonnen, die Komplexität der Fachrichtung Architektur zu erahnen. Ich fand das Studium wahnsinnig spannend, einnehmend und bin zum Glück relativ frisch und unbedarft an die Sache herangegangen. So konnten meine Erwartungen auch nicht enttäuscht werden, aber natürlich kristallisieren sich Neigungen und Fertigkeiten erst beim „Machen“ heraus. Ich merkte schnell, was mir liegt und worin für mich in der Architektur dann keine Perspektive zu sehen war: zum Beispiel im detailverliebten Türklinken zeichnen…
Daher war es ein Glück, dass meine damalige Entwurfsprofessorin und Bühnenbildnerin Kerstin Laube mich quasi der Architektur „weggeschnappt“ und mir den Blick für Neues geöffnet hat. Somit konnte ich nach dem Bachelor in Architektur dann sehr unkompliziert im Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum weiterstudieren.

Welche Schwerpunkte hast du in deinem Master-Studium gelegt? Lag dein Interesse eher im Bühnenbild oder im Szenischen Raum? Wie hat sich dein Interesse entwickelt, vertieft?
Ich bin eigentlich direkt in die Theaterwelt abgetaucht. Mich haben die Stücke, Texte und Figuren im Raum infiziert. Vor allem hat mich auch die Leidenschaft von meinem Professor Frank Hänig mitgerissen. Er hat viel dazu beigetragen, dass ich mich in Theater verliebte. Ich habe ihm viel zu verdanken. Für meine Art des Arbeitens war es sehr gut, dass es immer eine Wahl gab und wir nicht in strukturelle Korsetts geschnürt wurden. So ist das Bachelor- und Mastersystem nicht so schulisch wie viele denken. Es gibt immer Spielraum und Wahlmöglichkeit um sich zu entfalten. Die anderen Angebote haben mich einfach nicht gelockt und waren für mich auch nicht so richtig zu greifen.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin? Was hat es bedeutet neben dem Studium in einer kulturellen Metropole wie Berlin zu leben?
Das Besondere für mich war eigentlich eher der Umbruch von Architektur zu Bühnenbild: also dass das überhaupt innerhalb der Uni so möglich und kombinierbar war. Und besonders war für mich auch die strukturelle Andersartigkeit des Masterstudiengangs Bühnenbild_Szenischer Raum. Bei der Architektur sind wir mit 180 Studenten gestartet, 90 Studenten in jedem Entwurfsprojekt. Es war enorm schwer da überhaupt wahrgenommen zu werden. Im Master war es dann ein komplett anderes Gefühl, auch durch die Räumlichkeiten und die Ateliers in der Ackerstraße – so behütet, so gefördert und gefordert. Verglichen zum Bachelor war es fast eine 1zu1-Betreuung. Ich glaube wir waren nur 17 Masterstudierende im Studienjahr 2008.
Den Aspekt der „kulturellen Metropole“ fand oder finde ich ehrlich gesagt nicht so aufregend wie oft behauptet. Ich bin Brandenburgerin, habe im Speckgürtel von Berlin gewohnt und den Hype oft nicht verstanden. Ich habe oft erlebt, wie sich zugezogene Studenten einfach in der Stadt „verloren“ haben. Man kann hier alles, aber auch nichts machen, wird als Einzelner in der Stadt kaum wahrgenommen. Wer den Aspekt der Anonymität liebt, ist hier sicher gut aufgehoben. Oder man findet dann seinen Kiez, in dem man sich bewegt. Angebot gibt es natürlich zuhauf, aber wer braucht immer “zuhauf”? Bei so einem Überangebot in jeder Hinsicht kann man schnell mal den Überblick und sein Ziel aus den Augen verlieren. Aber bezogen auf Theater – ja klar, Angebot und Nachfrage sind groß.

Welche Erinnerungen verbindest du mit dem Studiengang TU BBSR? Was hat dich besonders geprägt während des Studiums für dein späteres Berufsleben/deine Tätigkeit?
Viel Gemütlichkeit und Menschlichkeit. Ich fand es großartig, dass wir uns untereinander so gut ergänzt und ausgeholfen haben und uns sehr selten als Konkurrenz gesehen haben. Dieses Miteinander war wunderbar. Wir waren eine kleine „Masterfamilie“ und die Abschlusspanik rückte dadurch in den Hintergrund.
Das gestärkte „Wir“ hilft natürlich im Theater. Als Bühnen- und Kostümbildner agiert man niemals als Individuum, sondern ist immer Teil eines ganzen Teams. Dieses „Teambuilding“ habe ich sehr mitgenommen aus dem Studium. Auch die Multikulti-Diskussionen! Ich habe mit tunesischen, mexikanischen, libanesischen, brasilianischen, syrischen… Teams zusammengearbeitet, da hilft nicht immer das Lehrbuch oder der Stücktext. (lacht)

Konntest Du schon während des recht praxisorientierten Studiums an der TU Kontakte in die Praxis knüpfen?
Jein, nein… Mir hat am meisten die Zusammenarbeit mit meinem Professor Frank Hänig geholfen, wie eingangs schon erwähnt. Er ist wahnsinnig inspirierend, unkonventionell und lebt für das Theater. Ihm habe ich nach dem Studium auch meinen direkten Anschluss in die Praxis zu verdanken. Er wurde 2010/11 Ausstattungsleiter am Theater Krefeld-Mönchengladbach und hat mich damals als Ausstattungsassistentin für 2 Jahre mitgenommen. Das war ein toller Übergang und Einstieg ins Berufsleben.

Wie ging es nach dem Studium weiter, wie sah dein Einstieg in die Praxis aus?
Erst habe ich bis 2012 am Theater Krefeld-Mönchengladbach zwei Spielzeiten assistiert. 2012-2014 war ich am Schauspielhaus Bochum als Bühnenbildassistentin und seit 2014 bin ich freiberuflich unterwegs.

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus? Mit welchen Partnern, an welchen Orten arbeitest Du? Ist dein Berufsalltag gut mit deinem Privatleben und deiner Familie vereinbar?
Durch die festen Assistenzen bin ich sehr verbunden mit den beiden oben genannten Häusern. Es entstehen immer wieder Folgeaufträge mit mir bekannten oder unbekannten Teams. Mit meiner momentanen „Zentrale“ in Düsseldorf sind die aktuellen Arbeitsorte Krefeld, Bochum oder Frankfurt als Bühnen- und Kostümbildnerin sehr gut mit Familie vereinbar.

Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Ich bin kreativ und frei. Jeder Tag ist eine Überraschung. Ich lerne tolle Leute kennen und bin Teil eines Ganzen, einer ganz eigenen Welt. Ich bin mein eigener Organisator und kann mich jeden Tag neu erfinden. Ich habe Glück, dass ich so arbeiten kann und hoffe noch auf viele schöne Spielzeiten.

Einmal zurückgeschaut: Was bedeutet das Studium an der TU für dich heute? Wie prägend war die TU-Zeit für deine heutige Arbeit?
Sie ist mein Fundament. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte (auch die finanzielle, dank meiner Familie!) hier zu studieren. Wer jetzt Zelt, Hütte oder Haus auf seinem Fundament baut, wird die Zukunft zeigen.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
NEIN!!!

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der zum Theater gehen möchte?
Seid fröhlich, frei und neugierig und seid euch nicht zu Schade mit Hospitanzen oder Assistenzen zu starten! Das ist in den meisten Häusern ein guter Einstieg und oft auch Garant für einen „Aufstieg“. Theater sind mit dem stetigen Wechsel der Intendanten und Teams im Wandel und suchen immer.

Lydia Merkels Arbeiten:
Bild 1: Bühne für Out of Body, Schauspielhaus Bochum, Regie/Choreografie: Julio César Iglesias Ungo | Bild 2: Bühne für Blaubart (von Dea Loher), Schauspielhaus Bochum, Regie: Selen Kara | Bild 3: Bühne und Kostüme für Cavalo de Santo, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Jessé Oliveira | Bild 4: Bühne und Kostüme für Deine Liebe ist Feuer, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Rafat Alzakout | Bild 5: Bühne für Alle meine Söhne (von Arthur Miller), Schauspiel Frankfurt, Regie: Anselm Weber | Bild 6: Bühne für Wunschkinder (von Lutz Hübner und Sarah Nemitz), Schauspielhaus Bochum, Regie: Anselm Weber | Bild 7: Bühnenbildmodell für Träum weiter (von Nesrin Şamdereli), Schauspielhaus Bochum, Regie: Selen Kara | Bild 8: Bühne für Ya Basta!, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Jorge Angeles

© Bilder Schauspiel Bochum: Diana Küster

Interview: Dorothea Ronneburg

Dorothea Ronneburg arbeitet als freie Bühnen- und Kostümbildnerin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei ortsspezifischen Interventionen in öffentlichen und halböffentlichen Räumen. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit verbindet sie unter anderem mit dem Theaterkollektiv matthaei & konsorten. Wir haben mit Dorothea über ihre Zeit am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum und über ihre künstlerische Tätigkeit seitdem gesprochen.

Du hast von 2008-2010 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert. Konntest Du schon während des recht praxisorientierten Studiums an der TU Kontakte in die Praxis knüpfen?
Ja, das ist ein großes Glück. Ich habe schon während des Studiums meinen Regiepartner gefunden und wir arbeiten seither zusammen. Als Bühnenbildner*in arbeitet man sehr persönlich und sehr intensiv im Bereich einer gemeinsamen Idee, wenn es eine gute Partnerschaft ist. Das ist ein besonderes Verhältnis. Man durchlebt Zeiten großer Intensität.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
Das Praxisorientierte habe ich wie oben schon als sehr wichtig hervorgehoben. Allerdings blieb für mich das Utopische dadurch eher im Hintergrund. In meinem Erststudium habe ich an einer Kunstakademie studiert, hier war es umgekehrt. Das Ringen um eine Idee, eine Innovation war alles. Aber davon zehre ich noch heute. Würde ich noch einmal an der TU studieren, würde ich versuchen mehr in die Utopie zu gehen und die Realisierbarkeit länger außen vor lassen, denn nur in dieser besonderen Zeit eines Studiums ist es möglich.

Du hast vorher Innenarchitektur studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf? Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen? Haben sich deine Ziele während des Studiums geändert?
Ja und nein. Ich dachte schon einmal klassisch Theater oder Musiktheater zu bebildern. Allerdings hat mich der interdisziplinäre Bereich, insbesondere jener der die Stadt als Bühne begreift, schon vor dem Studium sehr interessiert. Als sich über den Künstler Jörg Lukas Matthaei eine Möglichkeit ergab hier Erfahrung zu sammeln, war ich sofort voll Leidenschaft dabei. Für die Ausstattung seiner groß angelegten Projekte, die partizipativ und ortsspezifisch sind, habe ich mittlerweile viel Erfahrung. Das spannende ist, dass sich meine Berufe hier ideal verbinden lassen. Als Innenarchitektin habe ich die Architektur sich aus Innenräumen entwickeln lassen und nicht von Außen drauf geschaut. Diese Haltung habe ich mir bewahrt und wende sie in allen Gestaltungsaufgaben an.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin? Was hat es bedeutet, neben dem Studium in einer kulturellen Metropole wie Berlin zu leben?
Am bedeutsamsten ist die Erfahrung als Team zu arbeiten. Darüber sind echte, tiefe Freundschaften entstanden. Das ist ein unschätzbarer Wert und ich freue mich immer wieder darüber. Ich bin nach dem Studium aus meiner ‚alten Heimat’ weggezogen und lebe jetzt im Umland von Berlin. Das tolle an dieser Stadt ist, dass sich über die Verdichtung ihrer Kulturleistung eine Art geistige Energie sammelt, die immer wieder neue virulente und kritische Geister anzieht. Das bedeutet, man ist gefordert eine ganz andere Denkleistung zu bringen und ist immer wieder auf’s Neue inspiriert. An dieser Stelle ein sorgenvolles Seufzen: Das müssen wir Kulturschaffenden uns unbedingt bewahren!

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus? Mit welchen Partnern, an welchen Orten arbeitest du ? Ist dein Berufsalltag gut mit deinem Privatleben vereinbar?
Unsere Auftraggeber sind Stadttheater, Festivals und lokale Kunstförderer, wie zuletzt ‚Urbane Künste Ruhr’, die unser Projekt ‚COOP 3000 – eine neosolidarische concerngruendung’ produziert haben. Hauptsächlich arbeite ich in anderen Städten, und seit ‚Crashtest Nordstadt’ 2012 in Dortmund gibt es einen Schwerpunkt im Ruhrgebiet. Wir müssen uns in der Regel selbst den größten Teil unserer Infrastruktur suchen und herstellen, was recht anstrengend ist, Glück und Unterstützer braucht, aber auch eben Erfahrung. Man lernt dadurch so eine fremde Stadt und ihre Bewohner ganz gut kennen. Als Ausstatterin für matthaei & konsorten gestalte ich im Grunde alles, was man sieht, anziehen oder in die Hand nehmen – manchmal sogar essen – kann. Ich suche und bewerte auch die Spielorte und durch diese Tätigkeit habe ich ein ganz anderes Bild von Deutschland bekommen. Deutschland auch als Armenhaus, dessen Bewohner, zum Teil ja dann unsere Akteure, sich als großartig andersartige Menschen entpuppen. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das ist eine echte Bereicherung.
Schwierig finde ich die zum Teil stiefmütterliche Art wie unsere experimentellen Projekte von den deutschen ‚Kulturbehörden’ behandelt werden. Immer noch ist es eine Pionierarbeit innerhalb einer Stadttheater-Struktur als Regieteam ernst genommen zu werden. Es bedeutet auch, immer wieder, die Ursuppe neuer Theaterformen zu erklären und braucht viel Geduld und Kommunikation. Die Hoffnung ist, dass unsere Arbeit nach dem großen Hype des partizipativen Theaters als eine anerkannte künstlerische Arbeit gesetzt wird, die neben ihrem Unterhaltungswert sehr nachhaltig auch politische und soziale Effekte hat.

Bild 1-3: Diesseits vom Kulissenpark – ein flüchtiges Museum der Abweichungen, Kunstfest Weimar, 2104, © Fotos: Thomas Müller (Bild 1,2), Dorothea Ronneburg (Bild 3) | Bild 4: Dorothea Ronneburg bei der Arbeit | Bild 5-7: COOP3000 – eine neosolidarische Concerngründung, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten für Favoriten Festival 2016 und Urbane Künste Ruhr 2017, © Fotos: Björn Stork (Bild 5,6), Daniel Sadrowski (Bild 7) | Bild 8: Crashtest Nordstadt, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten am Theater Dortmund, 2012, © Foto: Merlin Nadj-Torma | Bild 9: Urbanscapes, muvingstudies, Berlin, 2012, © Foto: Merlin Nadj-Torma | Bild 10: Verzögerte Heimkehr – einige Reisen nach Eldorado, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten mit Stadttheater Bremerhaven, 2011, © Foto: Merlin Nadj-Torma

Interview: Cäcilia Gernand

Cäcilia Gernand arbeitet als freie Szenografin und Szenenbildnerin und hat von 2008-2010 bei uns am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert. Sie entwirft Film- und Bühnenarchitekturen für ARD, ZDF, den SWR und viele andere Kunden. Zudem lehrt sie mittlerweile selbst als Dozentin für Szenografie.

Du hast vorher Innenarchitektur und Szenenbild studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf? Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen? Haben sich deine Ziele während des Studiums geändert?
Ich habe das Studium mit der Erwartung begonnen meinen Blick zu erweitern, auch um mein künstlerisch-gestalterisches Anliegen mehr in meine Arbeit integrieren zu können und das Thema „Raum“ in seiner Komplexität zu erfahren und noch klarer zu begreifen.
Meinen Beruf als Filmarchitektin und Szenenbildnerin habe ich bereits vor dem TU-Studium ausgeführt. Verändert hat sich für mich die Ideenfindungs- und Konzeptphase sowie das bewusste Erarbeiten atmosphärischer Stimmungen. Ich recherchiere viel intensiver und breitgefächerter, experimentiere mehr, arbeite bevorzugt interdisziplinär, nehme z.B. Elemente aus dem Bühnenbildbereich, integriere diese in einen Entwurf und schaffe damit neue Raumzusammenhänge. Wichtig ist mir dabei, intensiv inhaltlich zu arbeiten, bevor ich eine neue Gestaltung entwickele. Meine Devise ist: Die Gestaltung entwickelt sich aus dem Inhalt und muss diesen auf sinnlicher Ebene sichtbar und erlebbar machen. Zudem fiel mir während des Studiums auf, dass ich durch meine langjährige berufliche Tätigkeit einen fundierten Hintergrund habe und gerne dieses Wissen weitergebe. Daraus ist der Wunsch entstanden unterrichten zu wollen. Inzwischen arbeite ich als Dozentin für Szenografie an einer Hochschule und veranstalte Seminare zu Themen wie Set Design, filmische Szenografie sowie experimenteller Raum. Mit den Studenten arbeite ich gerne fachübergreifend und erforsche u.a. neue Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung, Urbanität und Raum.

Welche Schwerpunkte hast du in deinem Studium gelegt? Lag dein Interesse eher im Bühnenbild oder im Szenischen Raum? Wie hat sich dein Interesse entwickelt, vertieft?
Mein Schwerpunkt im Studium liegt beim Szenischen Raum. Mich fasziniert daran, dass dieses Fach so interdisziplinär und vielfältig ist. Es nutzt die Möglichkeiten unterschiedlicher Disziplinen aus Film, Kunst, Theater, Literatur, Grafik, Performance, Sound… Ich verstehe es als eine ganzheitliche Erweiterung des Bühnenbilds, auch um den Menschen auf einer sinnlichen, emotionalen und atmosphärischen Ebene erreichen zu können.
Zudem sehe ich darin die Möglichkeit meine künstlerisch-gestalterisch-experimentellen Interessen anwenden und erweitern zu können.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin? Was hat es bedeutet neben dem Studium in eine kulturellen Metropole wie Berlin zu leben?
Das Besondere am Studium war der intensive Praxisbezug, die Internationalität der Studenten und das breitgefächerte vielfältige Angebot an Wahlfächern, Workshops und Vorträgen. Zudem hatten wir großzügige Ateliers, die wir Tag und Nacht nutzen konnten, es herrschte eine aufgeschlossene, anregende und kommunikative Atmosphäre zwischen Dozenten und Studenten. Des Weiteren fand ich es auch spannend, Dozenten zu haben, die alle aus der Praxis kamen, eine Menge an Wissen zu vermitteln hatten, Anregungen und Impulse gaben sowie die Möglichkeit, durch sie neue Kontakte zu knüpfen.
Super ist natürlich auch, dass Berlin eine kreative, innovative, anregende und vielfältige Metropole ist, die so viele kulturelle Möglichkeiten von Hoch- bis Subkultur bietet wie kaum eine andere Stadt und regelrecht dazu einlädt, selbst aktiv zu werden und sich einzubringen.

Welche Erinnerungen verbindest du mit dem Studiengang TU BBSR? Was hat dich besonders geprägt während des Studiums für dein späteres Berufsleben/deine Tätigkeit?
Besonders geprägt hat mich die intensive Beschäftigung mit dem Thema Wahrnehmung und Raum. Durch das Studium habe ich nochmals einen vollkommen neuen Bezug zu diesem Aspekt bekommen und achte bei meinen Konzepten und Entwurfsprozessen viel mehr auf diese Ebene. 2013 habe ich mit Videoperformance und Darstellendem Spiel begonnen, was mir nochmals völlig neue künstlerische Optionen eröffnet. Besonders die Komponenten Spiel- und Raumwahrnehmung geben die Möglichkeit den Raum auch körperlich spür- und begreifbar zu machen. Erst durch das „selber erfahren“ wird z.B. die Positionierung der Figuren im Raum in ihrer Sinnhaftigkeit deutlich. Diese Erfahrungen haben mich dazu angeregt, Workshopkonzepte mit den Themen Raumerfahrung, Kreativität und Partizipation zu entwickeln, da ich dort einen hohen Bedarf bei meinen StudentInnen festgestellt habe.
Besonders in Erinnerung ist mir zudem auch die lebendige und internationale Atmosphäre untereinander. Da waren die zwei Griechinnen, eine Belgierin, eine Brasilianerin und ein Schweizer die natürlich alle diese kreative, lebendige Atmosphäre mitgeprägt haben und sich mit ihrem kulturellen Hintergrund voll einbrachten, was das Ganze noch spannender machte.

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der als freischaffende*r Szenograf*in erfolgreich werden möchte?
So viele Kontakte wie möglich zu knüpfen und keine Scheu davor zu haben Menschen anzusprechen. Zudem finde ich es wichtig auf Kolloquien zu gehen, um neue Trends, aktuelle Entwicklungen und Diskussionen mitzubekommen und im Austausch mit Kollegen zu sein, an den Theatertagen teilzunehmen und jede Gelegenheit zum Netzwerken zu nutzen.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
Ich würde das Studium früher machen. Da ist die Chance in einen anderen Arbeitsbereich zu kommen noch um einiges größer als wenn man die 45 schon überschritten hat.

www.caecilia-gernand.de

© alle Fotos Cäcilia Gernand – Bild 1: Cäcilia Gernand, Bild 2-3: Report Mainz (ARD), Bild 4-5: Krieger und Liebhaber (Studio Hamburg Produktion), © Andrea Enderlein Bild 6: Ein Fall für Zwei (ZDF)

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