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Archive for category: Alumni

#Alumni-Interview: Lydia Merkel

Lydia Merkel arbeit als freie Bühnen- und Kostümbildnerin für Häuser wie das Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Bochum oder Theater Krefeld-Mönchengladbach. Nach ihrem Bachelor in Architektur hat sie 2008 bis 2010 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert.

Du hast vorher Architektur studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf? Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen und haben sich deine Ziele während des Studiums geändert?
Nein, meinen jetzigen Beruf – so wie ich ihn aktuell ausübe – hatte ich noch nicht im Kopf. Irgendwie ging bei mir alles sehr schnell. Ich kam gerade von der Schule, fand es spannend in dem Bereich Architektur zu starten. Beziehungsweise war ich erstmal froh, zwischen all den Studiengängen eine Richtung gefunden zu haben, in der ich mich vermeintlich kreativ ausleben konnte ohne ein großes Aufnahmeprozedere zu durchlaufen – denn vor den ganzen Mappenabgaben und Bewerbungsgesprächen hatte ich gehörigen Respekt. Erst während der Pflichtpraktika habe ich begonnen, die Komplexität der Fachrichtung Architektur zu erahnen. Ich fand das Studium wahnsinnig spannend, einnehmend und bin zum Glück relativ frisch und unbedarft an die Sache herangegangen. So konnten meine Erwartungen auch nicht enttäuscht werden, aber natürlich kristallisieren sich Neigungen und Fertigkeiten erst beim „Machen“ heraus. Ich merkte schnell, was mir liegt und worin für mich in der Architektur dann keine Perspektive zu sehen war: zum Beispiel im detailverliebten Türklinken zeichnen…
Daher war es ein Glück, dass meine damalige Entwurfsprofessorin und Bühnenbildnerin Kerstin Laube mich quasi der Architektur „weggeschnappt“ und mir den Blick für Neues geöffnet hat. Somit konnte ich nach dem Bachelor in Architektur dann sehr unkompliziert im Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum weiterstudieren.

Welche Schwerpunkte hast du in deinem Master-Studium gelegt? Lag dein Interesse eher im Bühnenbild oder im Szenischen Raum? Wie hat sich dein Interesse entwickelt, vertieft?
Ich bin eigentlich direkt in die Theaterwelt abgetaucht. Mich haben die Stücke, Texte und Figuren im Raum infiziert. Vor allem hat mich auch die Leidenschaft von meinem Professor Frank Hänig mitgerissen. Er hat viel dazu beigetragen, dass ich mich in Theater verliebte. Ich habe ihm viel zu verdanken. Für meine Art des Arbeitens war es sehr gut, dass es immer eine Wahl gab und wir nicht in strukturelle Korsetts geschnürt wurden. So ist das Bachelor- und Mastersystem nicht so schulisch wie viele denken. Es gibt immer Spielraum und Wahlmöglichkeit um sich zu entfalten. Die anderen Angebote haben mich einfach nicht gelockt und waren für mich auch nicht so richtig zu greifen.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin? Was hat es bedeutet neben dem Studium in einer kulturellen Metropole wie Berlin zu leben?
Das Besondere für mich war eigentlich eher der Umbruch von Architektur zu Bühnenbild: also dass das überhaupt innerhalb der Uni so möglich und kombinierbar war. Und besonders war für mich auch die strukturelle Andersartigkeit des Masterstudiengangs Bühnenbild_Szenischer Raum. Bei der Architektur sind wir mit 180 Studenten gestartet, 90 Studenten in jedem Entwurfsprojekt. Es war enorm schwer da überhaupt wahrgenommen zu werden. Im Master war es dann ein komplett anderes Gefühl, auch durch die Räumlichkeiten und die Ateliers in der Ackerstraße – so behütet, so gefördert und gefordert. Verglichen zum Bachelor war es fast eine 1zu1-Betreuung. Ich glaube wir waren nur 17 Masterstudierende im Studienjahr 2008.
Den Aspekt der „kulturellen Metropole“ fand oder finde ich ehrlich gesagt nicht so aufregend wie oft behauptet. Ich bin Brandenburgerin, habe im Speckgürtel von Berlin gewohnt und den Hype oft nicht verstanden. Ich habe oft erlebt, wie sich zugezogene Studenten einfach in der Stadt „verloren“ haben. Man kann hier alles, aber auch nichts machen, wird als Einzelner in der Stadt kaum wahrgenommen. Wer den Aspekt der Anonymität liebt, ist hier sicher gut aufgehoben. Oder man findet dann seinen Kiez, in dem man sich bewegt. Angebot gibt es natürlich zuhauf, aber wer braucht immer “zuhauf”? Bei so einem Überangebot in jeder Hinsicht kann man schnell mal den Überblick und sein Ziel aus den Augen verlieren. Aber bezogen auf Theater – ja klar, Angebot und Nachfrage sind groß.

Welche Erinnerungen verbindest du mit dem Studiengang TU BBSR? Was hat dich besonders geprägt während des Studiums für dein späteres Berufsleben/deine Tätigkeit?
Viel Gemütlichkeit und Menschlichkeit. Ich fand es großartig, dass wir uns untereinander so gut ergänzt und ausgeholfen haben und uns sehr selten als Konkurrenz gesehen haben. Dieses Miteinander war wunderbar. Wir waren eine kleine „Masterfamilie“ und die Abschlusspanik rückte dadurch in den Hintergrund.
Das gestärkte „Wir“ hilft natürlich im Theater. Als Bühnen- und Kostümbildner agiert man niemals als Individuum, sondern ist immer Teil eines ganzen Teams. Dieses „Teambuilding“ habe ich sehr mitgenommen aus dem Studium. Auch die Multikulti-Diskussionen! Ich habe mit tunesischen, mexikanischen, libanesischen, brasilianischen, syrischen… Teams zusammengearbeitet, da hilft nicht immer das Lehrbuch oder der Stücktext. (lacht)

Konntest Du schon während des recht praxisorientierten Studiums an der TU Kontakte in die Praxis knüpfen?
Jein, nein… Mir hat am meisten die Zusammenarbeit mit meinem Professor Frank Hänig geholfen, wie eingangs schon erwähnt. Er ist wahnsinnig inspirierend, unkonventionell und lebt für das Theater. Ihm habe ich nach dem Studium auch meinen direkten Anschluss in die Praxis zu verdanken. Er wurde 2010/11 Ausstattungsleiter am Theater Krefeld-Mönchengladbach und hat mich damals als Ausstattungsassistentin für 2 Jahre mitgenommen. Das war ein toller Übergang und Einstieg ins Berufsleben.

Wie ging es nach dem Studium weiter, wie sah dein Einstieg in die Praxis aus?
Erst habe ich bis 2012 am Theater Krefeld-Mönchengladbach zwei Spielzeiten assistiert. 2012-2014 war ich am Schauspielhaus Bochum als Bühnenbildassistentin und seit 2014 bin ich freiberuflich unterwegs.

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus? Mit welchen Partnern, an welchen Orten arbeitest Du? Ist dein Berufsalltag gut mit deinem Privatleben und deiner Familie vereinbar?
Durch die festen Assistenzen bin ich sehr verbunden mit den beiden oben genannten Häusern. Es entstehen immer wieder Folgeaufträge mit mir bekannten oder unbekannten Teams. Mit meiner momentanen „Zentrale“ in Düsseldorf sind die aktuellen Arbeitsorte Krefeld, Bochum oder Frankfurt als Bühnen- und Kostümbildnerin sehr gut mit Familie vereinbar.

Was gefällt dir besonders an deinem Beruf?
Ich bin kreativ und frei. Jeder Tag ist eine Überraschung. Ich lerne tolle Leute kennen und bin Teil eines Ganzen, einer ganz eigenen Welt. Ich bin mein eigener Organisator und kann mich jeden Tag neu erfinden. Ich habe Glück, dass ich so arbeiten kann und hoffe noch auf viele schöne Spielzeiten.

Einmal zurückgeschaut: Was bedeutet das Studium an der TU für dich heute? Wie prägend war die TU-Zeit für deine heutige Arbeit?
Sie ist mein Fundament. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte (auch die finanzielle, dank meiner Familie!) hier zu studieren. Wer jetzt Zelt, Hütte oder Haus auf seinem Fundament baut, wird die Zukunft zeigen.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
NEIN!!!

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der zum Theater gehen möchte?
Seid fröhlich, frei und neugierig und seid euch nicht zu Schade mit Hospitanzen oder Assistenzen zu starten! Das ist in den meisten Häusern ein guter Einstieg und oft auch Garant für einen „Aufstieg“. Theater sind mit dem stetigen Wechsel der Intendanten und Teams im Wandel und suchen immer.

Lydia Merkels Arbeiten:
Bild 1: Bühne für Out of Body, Schauspielhaus Bochum, Regie/Choreografie: Julio César Iglesias Ungo | Bild 2: Bühne für Blaubart (von Dea Loher), Schauspielhaus Bochum, Regie: Selen Kara | Bild 3: Bühne und Kostüme für Cavalo de Santo, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Jessé Oliveira | Bild 4: Bühne und Kostüme für Deine Liebe ist Feuer, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Rafat Alzakout | Bild 5: Bühne für Alle meine Söhne (von Arthur Miller), Schauspiel Frankfurt, Regie: Anselm Weber | Bild 6: Bühne für Wunschkinder (von Lutz Hübner und Sarah Nemitz), Schauspielhaus Bochum, Regie: Anselm Weber | Bild 7: Bühnenbildmodell für Träum weiter (von Nesrin Şamdereli), Schauspielhaus Bochum, Regie: Selen Kara | Bild 8: Bühne für Ya Basta!, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Regie: Jorge Angeles

© Bilder Schauspiel Bochum: Diana Küster

#Alumni-Interview: Dorothea Ronneburg

Dorothea Ronneburg arbeitet als freie Bühnen- und Kostümbildnerin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei ortsspezifischen Interventionen in öffentlichen und halböffentlichen Räumen. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit verbindet sie unter anderem mit dem Theaterkollektiv matthaei & konsorten. Wir haben mit Dorothea über ihre Zeit am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum und über ihre künstlerische Tätigkeit seitdem gesprochen.

Du hast von 2008-2010 am Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum studiert. Konntest Du schon während des recht praxisorientierten Studiums an der TU Kontakte in die Praxis knüpfen?
Ja, das ist ein großes Glück. Ich habe schon während des Studiums meinen Regiepartner gefunden und wir arbeiten seither zusammen. Als Bühnenbildner*in arbeitet man sehr persönlich und sehr intensiv im Bereich einer gemeinsamen Idee, wenn es eine gute Partnerschaft ist. Das ist ein besonderes Verhältnis. Man durchlebt Zeiten großer Intensität.

Gibt es etwas, das du heute anders machen würdest?
Das Praxisorientierte habe ich wie oben schon als sehr wichtig hervorgehoben. Allerdings blieb für mich das Utopische dadurch eher im Hintergrund. In meinem Erststudium habe ich an einer Kunstakademie studiert, hier war es umgekehrt. Das Ringen um eine Idee, eine Innovation war alles. Aber davon zehre ich noch heute. Würde ich noch einmal an der TU studieren, würde ich versuchen mehr in die Utopie zu gehen und die Realisierbarkeit länger außen vor lassen, denn nur in dieser besonderen Zeit eines Studiums ist es möglich.

Du hast vorher Innenarchitektur studiert – hattest du zu Studienbeginn an der TU schon deinen jetzigen Beruf im Kopf? Mit welcher Erwartung hast du das Studium begonnen? Haben sich deine Ziele während des Studiums geändert?
Ja und nein. Ich dachte schon einmal klassisch Theater oder Musiktheater zu bebildern. Allerdings hat mich der interdisziplinäre Bereich, insbesondere jener der die Stadt als Bühne begreift, schon vor dem Studium sehr interessiert. Als sich über den Künstler Jörg Lukas Matthaei eine Möglichkeit ergab hier Erfahrung zu sammeln, war ich sofort voll Leidenschaft dabei. Für die Ausstattung seiner groß angelegten Projekte, die partizipativ und ortsspezifisch sind, habe ich mittlerweile viel Erfahrung. Das spannende ist, dass sich meine Berufe hier ideal verbinden lassen. Als Innenarchitektin habe ich die Architektur sich aus Innenräumen entwickeln lassen und nicht von Außen drauf geschaut. Diese Haltung habe ich mir bewahrt und wende sie in allen Gestaltungsaufgaben an.

Was war das Besondere am Studium an der TU Berlin? Was hat es bedeutet, neben dem Studium in einer kulturellen Metropole wie Berlin zu leben?
Am bedeutsamsten ist die Erfahrung als Team zu arbeiten. Darüber sind echte, tiefe Freundschaften entstanden. Das ist ein unschätzbarer Wert und ich freue mich immer wieder darüber. Ich bin nach dem Studium aus meiner ‚alten Heimat’ weggezogen und lebe jetzt im Umland von Berlin. Das tolle an dieser Stadt ist, dass sich über die Verdichtung ihrer Kulturleistung eine Art geistige Energie sammelt, die immer wieder neue virulente und kritische Geister anzieht. Das bedeutet, man ist gefordert eine ganz andere Denkleistung zu bringen und ist immer wieder auf’s Neue inspiriert. An dieser Stelle ein sorgenvolles Seufzen: Das müssen wir Kulturschaffenden uns unbedingt bewahren!

Wie sehen deine Arbeitsfelder aus? Mit welchen Partnern, an welchen Orten arbeitest du ? Ist dein Berufsalltag gut mit deinem Privatleben vereinbar?
Unsere Auftraggeber sind Stadttheater, Festivals und lokale Kunstförderer, wie zuletzt ‚Urbane Künste Ruhr’, die unser Projekt ‚COOP 3000 – eine neosolidarische concerngruendung’ produziert haben. Hauptsächlich arbeite ich in anderen Städten, und seit ‚Crashtest Nordstadt’ 2012 in Dortmund gibt es einen Schwerpunkt im Ruhrgebiet. Wir müssen uns in der Regel selbst den größten Teil unserer Infrastruktur suchen und herstellen, was recht anstrengend ist, Glück und Unterstützer braucht, aber auch eben Erfahrung. Man lernt dadurch so eine fremde Stadt und ihre Bewohner ganz gut kennen. Als Ausstatterin für matthaei & konsorten gestalte ich im Grunde alles, was man sieht, anziehen oder in die Hand nehmen – manchmal sogar essen – kann. Ich suche und bewerte auch die Spielorte und durch diese Tätigkeit habe ich ein ganz anderes Bild von Deutschland bekommen. Deutschland auch als Armenhaus, dessen Bewohner, zum Teil ja dann unsere Akteure, sich als großartig andersartige Menschen entpuppen. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das ist eine echte Bereicherung.
Schwierig finde ich die zum Teil stiefmütterliche Art wie unsere experimentellen Projekte von den deutschen ‚Kulturbehörden’ behandelt werden. Immer noch ist es eine Pionierarbeit innerhalb einer Stadttheater-Struktur als Regieteam ernst genommen zu werden. Es bedeutet auch, immer wieder, die Ursuppe neuer Theaterformen zu erklären und braucht viel Geduld und Kommunikation. Die Hoffnung ist, dass unsere Arbeit nach dem großen Hype des partizipativen Theaters als eine anerkannte künstlerische Arbeit gesetzt wird, die neben ihrem Unterhaltungswert sehr nachhaltig auch politische und soziale Effekte hat.

Bild 1-3: Diesseits vom Kulissenpark – ein flüchtiges Museum der Abweichungen, Kunstfest Weimar, 2104, © Fotos: Thomas Müller (Bild 1,2), Dorothea Ronneburg (Bild 3) | Bild 4: Dorothea Ronneburg bei der Arbeit | Bild 5-7: COOP3000 – eine neosolidarische Concerngründung, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten für Favoriten Festival 2016 und Urbane Künste Ruhr 2017, © Fotos: Björn Stork (Bild 5,6), Daniel Sadrowski (Bild 7) | Bild 8: Crashtest Nordstadt, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten am Theater Dortmund, 2012, © Foto: Merlin Nadj-Torma | Bild 9: Urbanscapes, muvingstudies, Berlin, 2012, © Foto: Merlin Nadj-Torma | Bild 10: Verzögerte Heimkehr – einige Reisen nach Eldorado, R: Jörg Lukas Matthaei, matthaei & konsorten mit Stadttheater Bremerhaven, 2011, © Foto: Merlin Nadj-Torma

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